Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG)

Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG)

Eintrag vom 01.04.2026


Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG) – Prozess, Werkstoffe und Einsatzgrenzen im industriellen Spritzguss

Das Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG) ist kein Ersatz für den klassischen Spritzguss, sondern ein gezielt eingesetztes Sonderverfahren. Seine Stärken spielt es dort aus, wo konventionelle Prozesse bei dickwandigen, verrippten oder großflächigen Kunststoffbauteilen an physikalische und wirtschaftliche Grenzen stoßen. Durch das kontrollierte Aufschäumen der Polymerschmelze lassen sich Gewicht, Schwindung und innere Spannungen reduzieren, vorausgesetzt, Bauteil, Werkzeug und Prozess sind konsequent aufeinander abgestimmt.

 

 

 

Thermoplast-Schaumspritzgießen einordnen: Warum dieses Verfahren eingesetzt wird

 

Grenzen des konventionellen Spritzgusses bei dickwandigen und verrippten Bauteilen

Im klassischen Spritzguss werden Einfallstellen und Schwindung oft über hohen Nachdruck versucht zu kompensieren. Bei Bauteilen mit Wanddickensprüngen, massiven Rippen oder großflächigen Geometrien führt dies häufig zu:

  • erhöhtem Verzug durch Druck- und Temperaturgradienten,
  • langen Nachdruckzeiten,
  • hohen Werkzeugbelastungen und steigenden Schließkräften.

Diese Effekte begrenzen sowohl die Bauteilqualität als auch die wirtschaftliche Skalierbarkeit in der Serie.

 

Wie das Aufschäumen der Schmelze Schwindung und Spannungen kompensiert

Beim Thermoplast-Schaumspritzgießen wird dieser Nachdruck teilweise oder vollständig durch die Expansion einer gasbeladenen Schmelze ersetzt. Das entstehende Zellgefüge im Bauteilinneren wirkt wie ein „interner Druckspeicher“ und kompensiert Volumenschwankungen während der Abkühlung. Das Ergebnis sind spannungsärmere Bauteile mit deutlich reduzierter Einfallstellenneigung.

 

Wie Thermoplast-Schaumspritzgießen technisch funktioniert

 

Aufbereitung der Polymerschmelze mit physikalischen oder chemischen Treibmitteln

Die Grundlage des TSG ist eine homogene, mit Gas beladene Polymerschmelze. Je nach Verfahrensvariante erfolgt die Gaszugabe:

  • physikalisch über Stickstoff oder CO₂ (z. B. MuCell-Verfahren),
  • oder chemisch über Treibmittel-Masterbatches, die unter Temperatur Gase freisetzen.

Ziel ist stets eine einphasige Schmelze, in der das Gas vollständig gelöst ist, bevor es zur Expansion kommt.

 

Einspritzen mit Teilfüllung und Füllen der Kavität durch Expansion

Im Gegensatz zum kompakten Spritzguss wird die Kavität häufig bewusst nicht vollständig gefüllt. Erst nach dem Einspritzen beginnt das gelöste Gas durch Druckabfall zu expandieren und füllt das Werkzeugvolumen. Der klassische Nachdruck entfällt dabei ganz oder wird deutlich reduziert.

 

Ausbildung der Integralschaumstruktur während Abkühlung und Erstarrung

An der kalten Werkzeugwand erstarrt die Schmelze frühzeitig und bildet eine kompakte Randschicht. Im Bauteilkern bleibt das Material länger schmelzefähig, sodass sich dort eine feinporige Zellstruktur ausbildet. Diese Integralschaumstruktur ist charakteristisch für TSG-Bauteile und maßgeblich für deren Eigenschaften.

 

Treibmittel im Thermoplast-Schaumspritzgießen – physikalisch oder chemisch?

 

Physikalisches Schäumen mit Stickstoff oder CO₂ (z. B. MuCell-Verfahren)

Physikalische Treibmittel werden als superkritische Fluide in die Schmelze dosiert. Sie ermöglichen:

  • eine sehr präzise Dosierung,
  • reproduzierbare Zellstrukturen,
  • hohe Prozessstabilität in der Serienfertigung.

Der technische Aufwand ist höher, bietet dafür aber eine hohe Bauteilkonstanz.

 

Chemische Treibmittel im TSG-Prozess

Chemische Treibmittel sind einfacher in bestehende Spritzgussprozesse integrierbar. Die Gasfreisetzung ist jedoch stärker abhängig von Temperaturführung, Verweilzeit und Scherung. Sie eignen sich vor allem für Anwendungen, bei denen höchste Reproduzierbarkeit der Zellstruktur nicht im Vordergrund steht.

 

Auswirkungen der Treibmittelwahl auf Zellstruktur, Prozessstabilität und Bauteileigenschaften

Die Wahl des Treibmittels beeinflusst:

  • Zellgröße und Zellverteilung,
  • Oberflächenbild,
  • mechanische Kennwerte,
  • Prozessfenster und Taktzeit.

Eine fundierte Auswahl ist daher immer anwendungs- und bauteilspezifisch zu treffen.

 

Was TSG im Vergleich zum kompakten Spritzguss leistet – und was nicht

 

Gewichtsreduktion und Materialeinsparung bei gleichbleibender Bauteilfunktion

Je nach Geometrie und Schäumgrad sind Material- und Gewichtsreduzierungen von 10 bis 30 % realistisch. Besonders im Leichtbau verbessert sich die Steifigkeit pro Gewichtseinheit deutlich.

 

Reduzierte Schließkräfte und geringere Werkzeugbelastung

Durch niedrigere Kavitätsdrücke sinkt die erforderliche Schließkraft. Dies wirkt sich positiv auf Werkzeugstandzeiten aus und ermöglicht bei großflächigen Bauteilen wirtschaftlichere Maschinenkonzepte.

 

Maßhaltigkeit, Verzug und Einfallstellen im direkten Vergleich

TSG reduziert Einfallstellen und Verzug signifikant, ersetzt jedoch keine saubere Bauteilkonstruktion. Eine durchdachte Wandstärkenverteilung bleibt auch hier entscheidend.

 

Typische Grenzen und technische Herausforderungen im TSG-Prozess

 

Oberflächenbild und optische Einschränkungen geschäumter Bauteile

Je nach Prozessführung können Schlieren oder wolkige Strömungsbilder auftreten. Für hochglänzende Sichtteile ist TSG daher nur eingeschränkt geeignet.

 

Mechanische Kennwerte und deren Abhängigkeit vom Schäumgrad

Mit zunehmender Schaumausprägung sinken absolute Festigkeitswerte. Die Bauteilauslegung muss dies berücksichtigen und gezielt auf funktionale Lastfälle abgestimmt werden.

 

Anforderungen an Werkzeugauslegung, Entlüftung und Prozessführung

TSG stellt höhere Anforderungen an:

  • Werkzeugentlüftung,
  • Anschnittkonzepte,
  • Temperaturführung.

Ohne entsprechende Erfahrung lassen sich die Vorteile des Verfahrens nicht vollständig ausschöpfen.

 

Für welche Bauteile und Branchen sich Thermoplast-Schaumspritzgießen eignet

 

Gehäuse, Träger und Strukturbauteile im Maschinen- und Gerätebau

Besonders bei funktionalen Gehäusen und Trägerstrukturen bietet TSG eine hohe Maßhaltigkeit bei reduziertem Gewicht.

 

Großflächige und dickwandige Bauteile mit erhöhten Steifigkeitsanforderungen

Bauteile mit Materialanhäufungen oder großen Projektionsflächen profitieren überdurchschnittlich von der inneren Schaumstruktur.

 

Leichtbaulösungen für Automobil-, Nutzfahrzeug- und E-Mobility-Anwendungen

Hier stehen Gewichtsreduzierung, Reproduzierbarkeit und Serienfähigkeit im Fokus – klassische Stärken des TSG.

 

Wann ist Thermoplast-Schaumspritzgießen die richtige Wahl?

 

Bauteilgeometrien, Wandstärken und konstruktive Voraussetzungen

TSG eignet sich besonders für:

  • Wandstärken ab ca. 3–4 mm,
  • verrippte Strukturen,
  • Bauteile mit hohen Anforderungen an Verzug und Maßhaltigkeit.
  •  

Wirtschaftliche Betrachtung bei Serien- und Großserienfertigung

Die Wirtschaftlichkeit ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Materialeinsparung, kürzeren Zykluszeiten und reduzierten Werkzeugbelastungen – nicht allein aus dem Teilepreis.

 

Thermoplast-Schaumspritzgießen bei Kronen-Hansa-Werk

 

Prozesssichere Serienfertigung durch abgestimmte Maschinen-, Werkzeug- und Materialkompetenz

Kronen-Hansa-Werk verbindet TSG-Know-how mit moderner Spritzgusstechnik und prozesssicherer Serienfertigung „Made in Germany“.

 

Kombination von TSG mit Spritzguss, 2K-Technik und Inhouse-Werkzeugbau

Durch den eigenen Werkzeugbau und die Kombination verschiedener Verfahren entstehen robuste, wirtschaftliche Lösungen aus einer Hand.

 

Thermoplast-Schaumspritzgießen als gezielte Lösung für anspruchsvolle Kunststoffbauteile

Thermoplast-Schaumspritzgießen ist kein Allzweckverfahren, sondern eine präzise Antwort auf konkrete technische Herausforderungen. Richtig eingesetzt, ermöglicht es leichtere, spannungsärmere und wirtschaftlich herstellbare Kunststoffbauteile, insbesondere in anspruchsvollen Serienanwendungen.

 

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG)

 

Was ist Thermoplast-Schaumspritzgießen (TSG)?

Thermoplast-Schaumspritzgießen ist ein Spritzgussverfahren, bei dem die Polymerschmelze mit einem Treibmittel aufgeschäumt wird. Dadurch entsteht eine Integralschaumstruktur mit kompakter Oberfläche und geschäumtem Kern.

 

Welche Vorteile bietet TSG gegenüber konventionellem Spritzguss?

TSG ermöglicht Gewichts- und Materialeinsparungen, reduziert Einfallstellen und Verzug und senkt die erforderlichen Schließkräfte.

 

Welche Treibmittel werden im Thermoplast-Schaumspritzgießen eingesetzt?

Zum Einsatz kommen physikalische Treibmittel wie Stickstoff oder CO₂ sowie chemische Treibmittel in Form von Additiven.

 

Für welche Bauteile eignet sich Thermoplast-Schaumspritzgießen besonders?

Das Verfahren eignet sich vor allem für dickwandige, verrippte oder großflächige Bauteile im Maschinenbau, Gerätebau und der Automobilindustrie.

 

Ist Thermoplast-Schaumspritzgießen für Sichtteile geeignet?

Aufgrund möglicher Oberflächenartefakte ist TSG für hochglänzende Sichtteile nur eingeschränkt geeignet. Für funktionale Bauteile ist es jedoch sehr gut einsetzbar.


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