info@kronen-hansa-werk.com
+49(0)44 42 80 08 0
Eintrag vom 23.03.2026
Mehrkomponentenformteile sind hochintegrierte Kunststoffbauteile, bei denen zwei oder mehr Werkstoffe innerhalb eines automatisierten Spritzgießprozesses stoff- oder formschlüssig verbunden werden. Im industriellen Umfeld spricht man häufig vom 2K-Spritzguss oder Mehrkomponenten-Spritzguss. Im Unterschied zu einfachen Hart-Weich-Kombinationen aus separaten Bauteilen entsteht der Materialverbund hier direkt im Werkzeug. Das erfordert präzise abgestimmte Materialpaarungen, ein geeignetes Werkzeugkonzept sowie eine prozessstabile Serienfertigung. Entscheidend ist nicht nur die Geometrie, sondern insbesondere die Qualität der Grenzfläche zwischen den Komponenten.
Die Funktionsfähigkeit von Mehrkomponentenformteilen steht und fällt mit der Verbundfestigkeit zwischen den Werkstoffen. Im 2K-Spritzguss wirken thermische, chemische und mechanische Einflussgrößen gleichzeitig auf die Haftzone.
Bei vielen Anwendungen wird ein harter Thermoplast – etwa PA, PP, PC oder PBT – mit einem Elastomer wie TPE oder TPU kombiniert. Eine dauerhafte Verbindung entsteht dann, wenn:
Beim TPE-Umspritzen ist insbesondere die Temperaturführung entscheidend. Ist die Oberfläche der ersten Komponente zu kalt, wird keine ausreichende molekulare Diffusion erreicht. Ist sie zu heiß, kann es zu Verformungen oder Maßabweichungen kommen.
Nicht jede Materialkombination ermöglicht eine rein chemische Haftung. In solchen Fällen werden Mehrkomponentenformteile konstruktiv abgesichert – beispielsweise durch:
Diese mechanische Verankerung erhöht die Prozesssicherheit, insbesondere bei funktionskritischen Dicht- oder Griffzonen.
Im 2K-Spritzguss beeinflussen folgende Parameter maßgeblich die Verbundqualität:
Eine ungleichmäßige Benetzung der Haftzone führt zu lokalen Schwachstellen und erhöht das Risiko für Delamination.
In der Praxis wird die Verbundqualität über Zug- oder Schältests bewertet. Tritt ein Kohäsionsbruch im Elastomer auf, ist die Haftung in der Regel ausreichend. Ein Adhäsionsbruch an der Grenzfläche deutet hingegen auf Prozess- oder Materialprobleme hin.
Das Werkzeugkonzept ist zentral für die Reproduzierbarkeit im Mehrkomponenten-Spritzguss. Je nach Stückzahl, Bauteilgeometrie und Materialpaarung kommen unterschiedliche Systeme zum Einsatz.
Beim Drehtellerwerkzeug wird das Vorspritzteil nach dem ersten Schuss um 180° gedreht und in eine zweite Kavität überführt. Diese Lösung ist besonders geeignet für:
Durch die feste Werkzeugmechanik entstehen sehr stabile Prozessbedingungen.
Bei größeren Bauteilen oder komplexeren Geometrien wird häufig eine Indexplatten- oder Kern-Umsetztechnik eingesetzt. Hierbei werden einzelne Werkzeugbereiche linear verschoben oder Kerne freigegeben, um den zweiten Schuss aufzunehmen. Diese Varianten bieten hohe Flexibilität bei Mehrkomponentenformteilen mit asymmetrischer Geometrie.
Beim Overmolding wird ein vorgefertigtes Teil – beispielsweise ein Metallträger, Magnet, Gewindeeinsatz oder auch ein anderes Kunststoffteil – in das Werkzeug eingelegt und anschließend umspritzt. Typisch ist hier das Kunststoff mit Metall Umspritzen für Hybridbauteile im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik.
Die Abdichtung zwischen erster und zweiter Kavität muss präzise ausgeführt sein. Insbesondere bei niedrigviskosen Elastomeren besteht sonst die Gefahr von Gratbildung an der Materialtrennlinie.
Die Auswahl geeigneter Werkstoffe ist entscheidend für Funktion, Lebensdauer und Maßhaltigkeit von Mehrkomponentenformteilen.
Typische Kombinationen im 2K-Spritzguss sind:
Neben der Haftung müssen auch Schwindung, Medienbeständigkeit und Temperaturverhalten berücksichtigt werden.
Unterschiedliche Schwindungsraten der Komponenten führen zu inneren Spannungen. Bei ungünstiger Auslegung kann dies zu Verzug bei Mehrkomponentenformteilen oder zur Ablösung der Weichkomponente führen.
In technischen Anwendungen müssen Mehrkomponentenformteile häufig:
standhalten. Die Materialwahl erfolgt daher immer einsatzspezifisch.
Die Konstruktion beeinflusst maßgeblich die Prozessstabilität im 2K-Spritzguss.
Überdeckungszonen sollten ausreichend breit ausgeführt werden, um eine gleichmäßige Benetzung sicherzustellen. Scharfe Übergänge sind zu vermeiden, da sie lokale Spannungsspitzen erzeugen.
Bei TPE-Komponenten sind Wandstärken von etwa 1,5–3 mm üblich. Zu dünne Bereiche können unvollständig gefüllt werden oder unzureichende Rückstellkräfte entwickeln.
Verzug entsteht durch:
Eine abgestimmte Werkzeugauslegung und Simulation helfen, diese Effekte frühzeitig zu erkennen.
Dichtlippen benötigen definierte Kompressionswege und eine gleichmäßige Materialverteilung. Übergänge zwischen Hart- und Weichkomponente müssen reproduzierbar gefertigt werden.
Ursachen sind häufig:
Fehlerhafte Kompression oder Verzug im Trägerteil führen zu Leckagen.
Ungünstige Fließfrontführung im zweiten Schuss kann sichtbare Übergänge erzeugen.
Thermische oder chemische Inkompatibilitäten führen langfristig zu Rissbildung.
Im Mehrkomponenten-Spritzguss ist eine frühzeitige DFM-Analyse entscheidend.
Die Fließfront der zweiten Komponente sollte gezielt über die Haftzone geführt werden.
Getrennte Temperierkreise für beide Komponenten ermöglichen eine präzise Steuerung.
Simulationen unterstützen bei der Auslegung von Anschnitt, Kühlung und Wandstärken.
Kronen-Hansa-Werk kombiniert 2K-Spritzguss mit eigenem Werkzeugbau. Dadurch lassen sich Drehteller- und Mehrkomponentenwerkzeuge gezielt auf Materialpaarung und Serienanforderung abstimmen.
Werkzeugkonstruktion, Werkzeugbau, Anpassungen und Optimierungen erfolgen im eigenen Werkzeugbau in Lohne.
Mit modernen Mehrkomponenten-Spritzgussmaschinen und abgestimmter Prozessführung werden Klein- bis Großserien realisiert.
Im 2K-Spritzguss haften kompatible Materialpaarungen wie PP mit TPE, PA6/PA66 mit TPE oder TPU sowie PC/ABS mit haftmodifizierten TPE-Typen. Voraussetzung ist eine abgestimmte Polarität der Polymere sowie eine geeignete Prozessführung im Mehrkomponenten-Spritzguss. Die tatsächliche Verbundfestigkeit hängt von Temperatur, Benetzung der Haftzone und Schwindungsverhalten ab.
Verzug bei Mehrkomponentenformteilen wird durch symmetrische Wandstärken, abgestimmte Schwindungsraten und eine ausgewogene Kühlstrategie reduziert. Unterschiedliche Materialschwindungen im 2K-Spritzguss müssen bereits in der Werkzeugkonstruktion berücksichtigt werden. Simulation und DFM-Analysen helfen, Spannungen im Materialverbund frühzeitig zu erkennen und zu kompensieren.
Ein Drehtellerwerkzeug ist im 2K-Spritzguss besonders geeignet für mittlere bis große Serien mit hohen Anforderungen an Prozessstabilität und Wiederholgenauigkeit. Es ermöglicht einen automatisierten Materialwechsel innerhalb eines geschlossenen Werkzeuges ohne manuelle Umsetzung. Bei komplexen Geometrien oder kleineren Stückzahlen kann hingegen die Umsetztechnik wirtschaftlicher sein.
Zur Validierung der Verbundfestigkeit von 2K-Bauteilen werden typischerweise Zug-, Schäl- oder Scherversuche eingesetzt. Dabei wird zwischen Adhäsionsbruch an der Grenzfläche und Kohäsionsbruch im Elastomer unterschieden. Ergänzend kommen Dichtheitsprüfungen und klimatische Alterungstests zum Einsatz, um die Langzeitstabilität von Mehrkomponentenformteilen abzusichern.
© 2026 Kronen-Hansa-Werk GmbH & Co. KG