Komplette Moldflow-Analysen

Komplette Moldflow-Analysen

Eintrag vom 17.12.2025


Wie Spritzgießsimulation Füllung, Kühlung und Verzug zuverlässig vorhersagt

In der Entwicklung technischer Kunststoffbauteile entscheidet die Qualität der ersten Werkzeugauslegung oft über Projektkosten, Maßhaltigkeit und Stabilität im Serienprozess. Komplette Moldflow-Analysen – also die durchgängige Simulation von Füllung, Druck, Kühlung und Verzug – sind heute ein zentrales Werkzeug, um Bauteil- und Werkzeugdesign frühzeitig abzusichern. Sie reduzieren Korrekturschleifen, minimieren Risiken und ermöglichen robuste Serienprozesse, lange bevor ein Gramm Kunststoff tatsächlich verarbeitet wird.  

Warum komplette Moldflow-Analysen heute zum Standard im Werkzeugbau gehören

Die Anforderungen an technische Bauteile in Maschinenbau, Gerätebau und Medizintechnik steigen kontinuierlich: hohe Maßhaltigkeit, geringe Verzugsanfälligkeit, reproduzierbare Qualität. Gleichzeitig sollen Werkzeuge schneller entstehen, mit weniger Änderungsaufwand und kalkulierbaren Serienkosten. Eine vollständige Spritzgießsimulation leistet genau das:

  • sie bildet den realen Spritzgussprozess physikalisch ab,
  • erkennt kritische Bereiche im Design,
  • zeigt die Wirkung von Werkzeugkühlung und Prozessparametern,
  • gibt klare Handlungsempfehlungen.

 

Was eine Moldflow-Analyse leisten kann und was nicht

Simulationen beantworten zuverlässig Fragen rund um Füllbild, Druck, Schwindung, Hotspots und Verzug. Was sie nicht leisten: Konstruktionsfehler kompensieren. Wenn ein Bauteil konstruktiv an seine physikalischen Grenzen stößt, zeigt die Simulation dies klar auf – und ermöglicht eine gezielte Überarbeitung.  

Vorteile für Konstruktion, Werkzeugbau und Serie

  • weniger Werkzeugänderungen
  • stabile Prozessfenster
  • reduzierte Zykluszeiten
  • niedrigere Ausschussquoten
  • klarere Entscheidungsgrundlagen für Konstruktion und Projektmanagement

 

Was eine vollständige Moldflow-Analyse umfasst

Eine „komplette“ Moldflow-Analyse besteht nicht aus einer einfachen Füllstudie. Sie umfasst alle Prozessphasen des Spritzgusszyklus.  

Füllstudie – Fließbild, Druckniveau, Bindenähte und Luftfallen

In der Füllstudie wird untersucht:

  • wie die Schmelze in die Kavität einströmt,
  • wie sich die Fließfront bewegt,
  • wo Bindenähte entstehen,
  • wo Lufteinschlüsse auftreten,
  • und welche Bereiche ggf. nicht gefüllt werden.

Sie zeigt zudem, ob die gewählte Anguss-Position sinnvoll ist und ob Wandstärken, Rippen oder Domgeometrien zu Hindernissen führen.  

Pack- und Nachdruckanalyse – Schwindung und Einfallstellen beherrschen

Im Nachdruck entscheidet sich, ob:

  • Einfallstellen entstehen,
  • die Verdichtung der Schmelze ausreicht,
  • Schwindung im Bauteil homogen bleibt.

Insbesondere bei dickeren Bereichen, Rippen und Funktionsdoms liefert diese Analyse klare Optimierungsansätze.  

Kühl- und Temperiersimulation – Zykluszeit und Temperaturhomogenität optimieren

Die Kühlung beeinflusst mehr als 60–80 % der Zykluszeit – und damit die Stückkosten. In der Simulation werden untersucht:

  • Kühlkanalführung (konventionell oder konturnah),
  • Strömungsverhalten des Kühlmediums,
  • Temperaturverteilung im Werkzeug,
  • Hotspots und asymmetrische Abkühlzonen.

Eine ineffiziente Kühlung ist oftmals einer der Haupttreiber für Verzug. Genau hier liefert die Simulation wertvolle Erkenntnisse.  

Kühl- und Temperiersimulation – Zykluszeit und Temperaturhomogenität optimieren

Die Kühlung beeinflusst mehr als 60–80 % der Zykluszeit – und damit die Stückkosten. In der Simulation werden untersucht:

  • Kühlkanalführung (konventionell oder konturnah),
  • Strömungsverhalten des Kühlmediums,
  • Temperaturverteilung im Werkzeug,
  • Hotspots und asymmetrische Abkühlzonen.

Eine ineffiziente Kühlung ist oftmals einer der Haupttreiber für Verzug. Genau hier liefert die Simulation wertvolle Erkenntnisse.  

Typische Eingaben für eine präzise Spritzgießsimulation

Für präzise Ergebnisse genügt nicht allein das CAD-Modell. Entscheidend sind vollständige und korrekte Eingabedaten.  

Geometriedaten und Netzqualität

Ob Volumennetz (3D) oder Dual-Domain hängt vom Bauteil ab. Wichtig ist:

  • saubere Wandstärkenübergänge,
  • reproduzierbare Netzqualität,
  • feines Netz in kritischen Bereichen.

Inseits, Inserts oder Heißkanaldüsen sollten modelliert sein, wenn sie thermisch oder prozesstechnisch relevant sind.  

Materialmodelle: Viskosität, pvT-Daten und Faserorientierung

Für technische Thermoplaste sind folgende Materialdaten essenziell:

  • vollständige Viskositätsdaten,
  • pvT-Daten für Schwindungsprognosen,
  • thermische Kennwerte,
  • ggf. Orientierungsmodelle für glasfaserverstärkte Kunststoffe.

Unvollständige Materialdaten führen zu unzuverlässigen Ergebnissen – deshalb bevorzugen viele CAE-Experten vollständig charakterisierte Materialdatensätze.  

Prozessparameter: Einspritzprofil, Umschalten, Nachdruck, Kühlung

Eine präzise Simulation nutzt ein realitätsnahes Prozessfenster:

  • Einspritzgeschwindigkeit oder Druckprofil
  • Umschaltpunkt
  • Nachdruckverlaufsprofil
  • Werkzeugtemperatur
  • Kühlmitteldaten
  • Maschinenbegrenzungen (max. Druck, verfügbare Schließkraft)

 

Welche Ergebnisse Moldflow liefert und wie man sie richtig interpretiert

Die Simulation erzeugt eine Vielzahl an Plots und Kennzahlen. Entscheidend ist, diese richtig zu lesen.  

Füllbild und Druckverlauf sicher bewerten

  • gleichmäßiger Füllverlauf - robust
  • hohe Druckspitzen - kritisches Prozessfenster
  • „hängende Bereiche“ - Bindenähte & Lufteinschlüsse wahrscheinlich

 

Bindenähte, Luftfallen und Einfallstellen identifizieren

Simulation zeigt:

  • Position und Qualität von Schweißlinien
  • notwendige Entlüftungsstellen
  • potenzielle Einfallstellen
  • Bereiche mit überhöhter Scherung

Diese Informationen sind direkt in Konstruktions- und Werkzeugänderungen überführbar.  

Verzugsplots auswerten

Wichtige Fragen:

  • Ist der Verzug größer als die erlaubte Toleranz?
  • Welche Ursache dominiert (Kühlung, Schwindung, Faserorientierung)?
  • Reicht eine Prozessanpassung oder muss die Geometrie angepasst werden?

 

Schließkraft und Maschinenanforderungen

Die Simulation zeigt:

  • Maximal auftretende Schließkraft
  • Auslastung der Maschine
  • Druckbedarf entlang des Fließweges

Damit lassen sich Werkzeugabstimmungen und Maschinenfreigaben sauber absichern.  

Typische Probleme, die Moldflow frühzeitig erkennt

Simulationen decken regelmäßig wiederkehrende Fehlerbilder auf:

  • Füllfehler: nva Teile, Brenner, unbalancierte Kavitäten
  • Qualitätsfehler: Bindenähte, Lufteinschlüsse, Oberflächenmarken
  • Thermische Probleme: Hotspots, asymmetrische Kühlung, lange Abkühlzeiten
  • Verzug: Durchbiegung, Torsion, Wölbung (besonders kritisch bei technischen Abdeckungen), dünnwandigen Teilen oder GF-verstärkten Materialien

Gerade bei medizintechnischen Bauteilen oder Funktionskomponenten sind diese Erkenntnisse entscheidend für eine stabile Serie.  

Wie Moldflow Anguss-Position und Kühlsystem optimiert

Mit Simulation können Varianten objektiv verglichen werden statt auf Erfahrungswerte angewiesen zu sein.  

Anspritzpunkte strategisch festlegen

Ziele:

  • kürzeste Fließwege
  • reproduzierbarer Füllvorgang
  • geringere Verzugstendenzen

 

Kühlkanal-Layout planen: konventionell vs. konturnah

Konturnahe Kühlung reduziert:

  • Temperaturgradienten
  • Zykluszeit
  • Verzugsanfälligkeit

Simulation zeigt sofort, ob sich der Aufwand für konturnahe Kanäle wirtschaftlich lohnt.  

Varianten vergleichen und Prozessfenster absichern

Vorteil: Nur Simulation ermöglicht objektiven Vergleich von:

  • Anguss/Gate-Positionen
  • Wandstärkenvarianten
  • Materialalternativen
  • Kühlkonzepten

 

Welche Software für komplette Moldflow-Analysen geeignet ist

Für vollständige Analysen sind mehrere CAE-Lösungen etabliert:  

Autodesk Moldflow Insight / Ultimate

Marktstandard, umfangreich, ideal für klassische Thermoplastanwendungen und komplexe Prozessanalysen.  

Moldex3D

Sehr stark in 3D-Kühlungsberechnungen, konturnaher Kühlung und detaillierten Verzugsanalysen.  

SIGMASOFT Virtual Molding

Simulation des gesamten Werkzeugblocks inklusive Zyklen, ideal für Duroplast-, PUR- und thermisch anspruchsvolle Werkzeuge.  

CADMOULD + VARIMOS

Effiziente Berechnungszeiten, KI-gestützte Variantenanalysen, präzise Schwindungs- und Verzugsmodelle.  

Wann lohnt sich Moldflow und wie profitieren Konstruktion & Serie?

Eine vollständige Moldflow-Analyse ist immer dann sinnvoll, wenn:

  • hohe Maßhaltigkeit gefordert ist,
  • Geometrie komplex oder dünnwandig ist,
  • kritische Funktionsflächen vorhanden sind,
  • mehrere Werkzeugalternativen verglichen werden sollen,
  • Zykluszeit wirtschaftlich entscheidend ist,
  • Material oder Prozess anspruchsvoll sind (z. B. GF-gefüllte Thermoplaste).

Sie reduziert Werkzeugänderungen, senkt Kosten und erhöht die Prozessstabilität. Ein klarer Vorteil für Konstruktion, Werkzeugbau und Serienfertigung.  

FAQ: Häufige Fragen zu Moldflow-Analysen

 

Was zeigt eine Moldflow-Analyse genau?

Eine Moldflow-Analyse bildet den kompletten Spritzgießzyklus virtuell ab von der Füllphase über den Nachdruck und die Kühlung bis hin zum Verzug des Bauteils nach dem Entformen. Typische Ergebnisse sind:

  • Füllbild und Fließfrontverlauf: zeigt, wie die Schmelze durch das Bauteil läuft.
  • Druck- und Temperaturverteilung: Grundlage für Maschinen- und Werkzeugauslegung.
  • Bindenähte und Luftfallen: früh erkannt, bevor sie zu Schwachstellen werden.
  • Einfallstellen und Schwindungseffekte: insbesondere bei Rippen, Domstrukturen oder massiven Bereichen.
  • Verzug (Warpage): Art, Richtung und Betrag der späteren Bauteilverformung.
  • Schließkraftbedarf: wichtig für die Wahl der geeigneten Spritzgießmaschine.

Damit liefert die Simulation ein vollständiges Prozessverständnis, das im realen Versuch oft erst nach mehreren Iterationen sichtbar würde.  

Wie genau sind moderne Spritzgießsimulationen?

Die Genauigkeit hängt maßgeblich von drei Faktoren ab:

  1. Qualität der Materialdaten (Viskosität, pvT, Faserorientierung)
  2. Netzqualität (saubere Volumennetze, korrekte Wandstärken)
  3. Nähe der Prozessparameter zur späteren Serie

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, erreichen moderne Simulationen eine erstaunlich hohe Präzision:

  • Druck- und Füllverlauf stimmen häufig nahezu vollständig mit der Realität überein.
  • Einfallstellen, Hotspots und Bindenähte werden sehr zuverlässig erkannt.
  • Verzugsprognosen liegen bei technischen Bauteilen oft im Bereich von 0,1–0,3 mm Abweichung, bei komplexen Geometrien etwas höher.

Wichtig ist: Simulation ersetzt nicht die praktische Erprobung, sie reduziert aber deren Anzahl und sorgt für deutlich zielgerichtetere Werkzeugkorrekturen.  

Was kostet eine Moldflow-Analyse?

Die Kosten richten sich vor allem nach dem Analyseumfang und der Komplexität des Bauteils. Richtwerte:

  • Einfacher Quick-Check (Füllstudie)
  • Standard-Analyse (Fill + Pack + Warp)
  • Komplette Analyse inkl. Kühlung, Verzug, Variantenvergleich oder mehreren Gate-Positionen

Preisbestimmend sind u. a.:

  • Anzahl der Varianten (Gate-Positionen, Materialalternativen, Kühlkonzepte)
  • notwendige Genauigkeit (z. B. 3D-Kühlkanalmodellierung)
  • Reporting-Tiefe (Kurzreport vs. Freigabedokumentation)

Für Projekte mit hoher Maßhaltigkeit z. B. medizintechnische Komponenten lohnt sich die Simulation praktisch immer, da Werkzeugänderungen deutlich teurer wären.  

Welche Software ist die beste?

Es gibt keine allgemeingültige „beste“ Software. Entscheidend ist der technische Anwendungsfall:

  • Autodesk Moldflow Insight/Ultimate
  • Moldex3D
  • SIGMASOFT Virtual Molding
  • CADMOULD + VARIMOS

Welche Lösung man einsetzt, hängt vom Fertigungsprofil, den Materialien und dem benötigten Detailgrad ab.  

Kann Moldflow Verzug wirklich vorhersagen?

Ja, moderne Verzugssimulationen sind heute erstaunlich präzise, sofern die Eingabedaten stimmen. Verzugsberechnungen berücksichtigen:

  • lokale Schwindung
  • Temperaturverlauf im Bauteil
  • Faserorientierung (bei GF-Materialien entscheidend)
  • Werkzeugtemperierung und Kühlkonzept
  • Nachdruckverhalten und Druckverluste

Mit vollständigen Materialkennwerten, einem detailgetreuen Kühlkanalmodell und realistischem Prozessfenster lassen sich Verzugsrichtungen und -beträge bereits sehr zuverlässig prognostizieren. Besonders wertvoll ist, dass die Simulation nicht nur den Betrag des Verzugs zeigt, sondern auch die Ursache und damit gezielte Konstruktions- oder Prozessanpassungen ermöglicht.


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